Blue Zones der Erde
Wissenschaft
01.09.2020

Die Blue Zones der Erde – Teil 1

Blue Zones – schon mal gehört? Nein? Dann habt Ihr etwas verpasst! Die Blue Zones stehen in den letzten Jahren im Fokus der Wissenschaft. Denn: Nirgendwo sonst werden die Menschen so alt und bleiben so lange gesund wie die BewohnerInnen dieser geografischen Gebiete. Warum das so ist? Wir haben es uns angesehen und wollen Euch diese Gegenden in den kommenden Wochen vorstellen.

Alles begann mit Dan Buettner, einem amerikanischen Abenteurer und Pädagogen, der auf den Spuren von Darwin und Marco Polo die Welt bereiste, um Schülern die Geheimnisse der Erde näherzubringen. Als er bei seinen Expeditionen erkannte, dass auch Erwachsene seine Reisen verfolgten, wandte er sich mit einer verrückten Idee an National Geographic: Er wollte die Welt bereisen auf der Suche nach Orten, die sich durch besondere Langlebigkeit ihrer BewohnerInnen auszeichnen – „longevity hotspots“, wie er sie nannte.

Gesagt, getan. Gemeinsam mit führenden DemografInnen und WissenschaftlerInnen der Universität von Minnesota identifizierte er entsprechende geografische Gebiete. 2003 begann er in Zusammenarbeit mit weiteren AnthropologInnen, HistorikerInnen, DiätologInnen und GenetikerInnen Expeditionen zu diesen Orten zu unternehmen, um das Geheimnis der Langlebigkeit zu entschlüsseln.

2005 schließlich veröffentlichte das National Geografic den Artikel „Die Geheimnisse der Langlebigkeit“ von Dan Buettner. Darin beschrieb er fünf Gegenden, in denen die Menschen am ältesten werden und am längsten gesund bleiben – die sogenannten „Blue Zones“. Er befragte die BewohnerInnen zu ihrer Lebensweise, um so ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen, und fasste alles im Artikel zusammen.

Was sind nun diese geheimnisumwobenen Gebiete, die offensichtlich das Rezept der ewigen Jugend gefunden haben? Die ersten zwei davon wollen wir heute vorstellen: Ikaria in Griechenland und Okinawa in Japan.

Ikaria & die alten GriechInnen

Ikaria ist eine bergige Insel in der Ost-Ägäis nahe der türkischen Küste, auf der annähernd 8000 Personen leben. Sie hat in etwa die Größe des Bodensees und ihr höchster Berg geht auf 1.100 Meter. Die Südseite ist felsig, karg und steil abfallend. Die Nordseite hingegen ist wasserreich, fruchtbar und grün.

Das Eiland zeigt bis heute das gemütliche unverfälschte Griechenland der 1970er. Die Menschen sind einfach, offen und herzlich und freuen sich immer über ein Schwätzchen. Sie haben eine harte Schale mit weichem Kern und leben gemütlich im eigenen Rhythmus. So weit, so gut. Durchaus idyllisch, aber noch nichts Besonderes. Aber: Seit dem Mittelalter sind die BewohnerInnen der Insel ÜberlebenskünstlerInnen. Damals entgingen sie der Piraterie, indem sie sich in den Bergen versteckten und ihre Häuser hinter riesigen Felsbrocken tarnten.

Und diese Kunst des Überlebens haben sich die IkariotInnen bis heute erhalten. Ihr Zauberwort heißt Chalará (Gelassenheit). Sie lassen die Dinge gerne auf sich zukommen. Dieser Lebensrhythmus ist legendär und hat der Insel den Beinamen „Insel der Hundertjährigen“ eingebracht. Angeblich vergessen die Menschen dort vor lauter Lebensfreude zu sterben. Das mag daran liegen, dass Kinder wie Ältere stark in die Gesellschaft eingebunden sind. Man trifft viele „alte“ Menschen, die sehr vital und selbstständig sind.

Wer immer noch skeptisch ist, ob die InselbewohnerInnen wirklich das Geheimnis der Langlebigkeit für sich entdeckt haben, möge sich diesem Fakt widmen: Die Insel zeichnet sich durch eine der weltweit niedrigsten Sterberaten im mittleren Alter aus. Beeindruckt? Nun, wir auch.

Buettner führte diese Tatsache unter anderem auf die als sehr gesund geltende Mittelmeerdiät zurück, die den Großteil des Speiseplans der InselbewohnerInnen ausmacht. Wie der Name schon sagt, orientiert sie sich an den Essgewohnheiten des Mittelmeerraumes. Diese enthalten viel frisches Gemüse, Salat, Nüsse, Olivenöl und Fisch, wohingegen rotes Fleisch und fetthaltige Milchprodukte relativ selten verzehrt werden.

Die EinwohnerInnen selbst haben ihre eigenen Theorien entwickelt. Die reichen vom biologisch angebauten Gemüse und dem sauberen Wasser, bis zum stetigen Wind vom Meer, der so gesund sein soll. Wieder andere schwören auf die besondere Herzlichkeit und den Sinn für Gemeinschaft auf der Insel. Welcher Faktor auch immer davon den Ausschlag geben mag. Wir finden, dass wir uns von allem eine Scheibe abschneiden können. Und die genießen wir mit echt griechischem Olivenöl und etwas Salz, wie es Brauch ist! Kalí órexi (Mahlzeit)!

Okinawa & die entspannteren JapanerInnen

Okinawa ist die zweite Blue Zone auf der Liste. Die Präfektur Okinawa liegt im Süden Japans und zeichnet sich durch ihr subtropisches Klima aus. Sie umfasst 160 Inseln, von denen 49 bewohnt sind. Auch sie hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Früher gehörten die Inselgruppen zum Königreich Ryukyu, dessen Sprache Uchinaguchi bis heute von den älteren InselbewohnerInnen gesprochen wird. Im Zweiten Weltkrieg war die Inselgruppe schwer umkämpft und es fand dort eine der letzten großen Schlachten zwischen Japan und den USA statt. Danach befanden sich die Inseln unter amerikanischer Besatzung. Heute gehört sie wieder zu Japan, auch wenn die Kultur der EinwohnerInnen nach wie vor viele Züge des alten Königreichs aufweist. Diese Eigenheiten haben ihnen den Beinamen „entspanntere JapanerInnen“ eingebracht.

Was also zeichnet sie aus? Besonders sind vor allem die Gewohnheiten und das Gemüt der dort lebenden Menschen. Für sie gehört körperliche Betätigung und Arbeit, die etwas körperliche Anstrengung erfordert, zum Alltag. Sie legen ihre Wege zu Fuß oder mit dem Rad zurück und pflegen ehrliche Beziehungen zu den Angehörigen und NachbarInnen ebenso wie den täglichen Mittagsschlaf. Die BewohnerInnen Okinawas sind für ihren herausragenden Optimismus bekannt und dafür, sich nicht unnötig das Leben schwer zu machen. Außerdem zählen sie zu den glücklichsten Menschen der Erde.

Wie sie das machen? Sie leben die japanische Philosophie desIkigai. Die steht wörtlich übersetzt für den „Lebenswert“ und dreht sich darum, herauszufinden, was das eigene Leben lebenswert macht. Man soll durch sie verstehen, welchen ganz persönlichen Grund man hat, aufzustehen und einen neuen Tag zu beginnen.

Dabei sieht man sich 4 Hauptelemente an:

1. Das, was man liebt und gerne tut.

2. Das, was die Welt von einem braucht.

3. Das, womit man Geld verdienen kann.

4. Das, worin man gut und talentiert ist.

Ikigai Diagramm

Die Überschneidungen der vier Bereiche stellen dann jeweils ein übergeordnetes Grundbedürfnis dar:

  • Aus 1 und 2 ergibt sich die persönliche Mission.
  • Aus 2 und 3 ergibt sich die Berufung.
  • Aus 3 und 4 ergibt sich der ideale Beruf oder die Profession.
  • Aus 4 und 1 lässt sich die große Leidenschaft ablesen.

In der Mitte, wo sich alle vier Bereiche überschneiden, liegt das Ikigai. Also das, was jeden Morgen lohnenswert macht. Statt nach materiellem Erfolg zu streben, suchen die BewohnerInnen die eigene Berufung im Leben und leben diese bis ins hohe Alter aus. So trifft man auf den Inseln auch über Achtzigjährige, die noch täglich für den jährlichen Zehnkampf trainieren. Dieser individuelle Sinn des Lebens hat Buettner als einen der Schlüssel zum langen, erfüllten Leben der InselbewohnerInnen identifiziert.

Dass dieses erfüllte Leben lange ist, lässt sich auch belegen. Nicht umsonst tragen die Inselgruppen den Kosenamen „Land der Unsterblichen”. Wer dort geboren wird, hat eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt. Auch ein Großteil der über Hundertjährigen, die es auf der ganzen Welt gibt, lebt hier. Vor allem die Frauen der Insel brechen Altersrekorde. Im Dorf Ogimi im Norden der Hautpinsel Okinawa Honto haben die BewohnerInnen dies auch schriftlich festgehalten. Dort steht auf einem Steinblock: “Mit 70 bist du ein Kind, mit 80 ein Jugendlicher, und mit 90, wenn dich deine Ahnen in den Himmel rufen, bitte sie zu warten, bis du 100 bist.”

Ein weiterer Faktor, den Buettner und seitdem diverse ForscherInnen auf der Suche nach dem Rezept der Jugend, identifiziert haben, ist wiederum die gesunde Ernährung. In Okinawa essen die EinwohnerInnen viel Obst und Gemüse, darunter vor allem Süßkartoffeln, Soja und weitere Gemüsesorten, die sie selbst anbauen. Die großteils pflanzliche Ernährung, die auch sehr fettarm ist, gilt als sehr gesund. Außerdem trinken die BewohnerInnen nach japanischem Brauch jeden Tag eine Tasse grünen Tee und haben sich angewöhnt, kleine Mengen zu essen. Genauer gesagt pflegen sie die Ernährungsmethode „Hara hachi bu“. Diese schreibt vor mit dem Essen aufzuhören, wenn der Magen zu 80 % voll ist. Diese Richtlinie stammt noch aus Kriegszeiten, in denen Nahrung knapp war. Die EinwohnerInnen haben sich diesen Leitsatz allerdings bis heute erhalten.

Ob nun auf Ikaria in Griechenland oder in Okinawa in Japan, eines lässt sich nicht von der Hand weisen: Die InselbewohnerInnen scheinen glücklich und leben ein langes, gesunden und vor allem erfülltes Leben. Wer sich nun fragt, was die anderen Blue Zones der Erde sind, sei gespannt. Wir stellen schon bald die Nächsten auf der Liste vor.

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