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United States
BLue Zones
Wissenschaft
12.10.2020

Die Blue Zones der Erde – Teil 3

Heute präsentieren wir den letzten Teil unserer Blue-Zones-Reihe. Ein weiterer Ort, der sich durch besondere Langlebigkeit seiner BewohnerInnen auszeichnet, ist die Nicoya-Halbinsel in Costa Rica. Außerdem analysieren wir, was all diese Gebiete gemeinsam haben und was wir von den EinwohnerInnen und ihrer Lebensweise lernen können, um selbst bis ins hohe Alter fit und vital zu bleiben.

Eine kleine Auffrischung: Dan Buettner bereiste in Kooperation mit National Geographic und internationalen WissenschaftlerInnen die Welt auf der Suche nach „longevity hotspots“. 2005 präsentierte er seine Ergebnisse im Artikel „Die Geheimnisse der Langlebigkeit“, der fünf Gegenden benannte, in denen die Menschen am ältesten werden und am längsten gesund bleiben. Zu diesen geografischen Jungbrunnen zählen Ikaria in Griechenland, Okinawa in Japan, Ogliastra auf Sardinien und Loma Linda in Kalifornien, die wir in Teil 1 und Teil 2 bereits vorgestellt haben. Und damit kommen wir zur letzten Blue Zone von Dan Buettner:

Die Nicoya-Halbinsel & die sonnenliebenden Costa-RicanerInnen

Die Nicoya-Halbinsel liegt am Pazifischen Ozean und ist durch den Golf von Nicoya vom Festland Costa Ricas getrennt. Der Name des zentralamerikanischen Staates leitet sich aus dem Spanischen ab und bedeutet „reiche Küste“. Diese Metapher lässt sich auch auf die 100 km lange, 4.100 m2 große Halbinsel übertragen: Die Naturverbundenheit, der im Nordwesten von Costa Rica gelegenen Region, spiegelt sich in den diversen Naturschutzgebieten entlang der Küste wider, die sich bis in den Ozean hineinziehen. Am südlichsten Punkt der Halbinsel liegt mit dem Capo Blanco Naturreservat sogar das älteste Schutzgebiet Costa Ricas.

Im Norden der Peninsula herrscht ein sehr trockenes Klima, das die Bewohner mit großangelegten Flächen als Viehweide nutzen. Die dortigen Küstenregionen werden bis heute von der Natur beherrscht und sind von einem tropischen Trockenwald gesäumt. Im Süden hingegen – getrennt von verschiedenen Gebirgszügen – nimmt die Luftfeuchtigkeit zu und die Landschaft geht in eine malerische tropische Regenwaldkulisse mit weitestgehend naturbelassenen Küstenregionen über, die sich durch von Mangroven gesäumte Sandstrände vulkanischen Ursprungs auszeichnet.

Schon Fernweh?

Haben wir auch. Vor allem, wenn man dann noch weiß, dass die rund 132.000 BewohnerInnen von Nicoya das sonnige Klima ihrer Region auch in ihr Gemüt aufgenommen haben. Sie sprühen vor Lebensfreude und vermeiden jegliche Hektik. Man sieht sie oft lachend mit ihren Nachbarn oder – dank der perfekten Winde und Wellen – am Surfbrett oder am Strand entspannt die Sonne genießen. Außerdem spielt für sie die Familie und der Glaube eine zentrale Rolle. Auch der „plan de vida“ – der Lebensplan oder Lebenszweck – prägt ihre Kultur entscheidend.

Die Ticos und Ticas – wie die Costa-RicanerInnen umgangssprachlich auch genannt werden – pflegen alltägliche Rituale und eine sehr konstante Lebensweise. Körperliche Bewegung findet auf der Insel aber nicht im Fitnessstudio statt, sondern auf natürliche Art wie bei der Fortbewegung oder bei der Gartenarbeit. Trotz des wichtigen Stellenwerts, den die Freizeit für sie einnimmt, gehört auch harte Arbeit für sie zum Lebensalltag.

Klingt alles gut, aber…

…warum reden wir hier über sie? Nun, was die EinwohnerInnen der Peninsula noch auszeichnet, ist, dass viele von ihnen über 90 Jahre alt werden. Ein/e 60-jährige/r BewohnerIn hat eine siebenmal höhere Wahrscheinlichkeit das 100. Lebensjahr zu erreichen als im restlichen Costa Rica! Zu dieser Erkenntnis gelangte Simone Ecker vom Centro Centroamericano de Población (CCP-UCR). Besonders gut sieht es für die männlichen Bürger aus: Sie haben die höchste Lebenserwartung der Welt! Soll heißen, ein 80-jähriger Mann lebt dort durchschnittlich 8,2 Jahre länger als US-Amerikaner, Japaner oder Isländer und ein 90-Jähriger sogar weitere 4,4 Jahre.

Die WissenschaftlerInnen identifizierten einerseits die Ernährung der EinwohnerInnen Nicoyas als wichtigen Faktor. Sie essen maßvoll und nehmen wenig bis keine industriell verarbeiteten Lebensmittel zu sich. Dafür stehen viel Gemüse und Obst auf dem Speiseplan, darunter auch viele tropische Früchte, die reich an Antioxidantien, Niacin und Aminosäuren sind. Das Leben auf Nicoya zeichnet sich außerdem durch das besondere Wasser aus. Nein, auf der Halbinsel sprudelt nicht der wahrhafte Jungbrunnen, aber: Das Wasser ist reich an Calcium und Magnesium und soll daher vor Herzkrankheiten schützen und kräftige Knochen fördern.

Neben den Essgewohnheiten führte Buettner die Langlebigkeit andererseits auch auf das soziale Leben zurück. Die BewohnerInnen leben mit Kindern und Enkelkindern unter einem Dach und unterstützen sich gegenseitig. Auch die Hundertjährigen sind noch voll in das Gesellschaftsleben integriert und bekommen regelmäßig Besuch von ihren Nachbarn. Daher wissen sie bis ins hohe Alter, was es heißt, zuzuhören, zu erzählen, zu lachen und Spaß zu haben. Aber auch der Glaube und das Vertrauen der Costa-RicanerInnen lässt sie von innen her aufblühen.

Für uns ist das alles auf jeden Fall Grund genug, uns wieder mehr unseren Sozialkontakten zu widmen und bewusst die herbstliche Sonne zu genießen und die Seele baumeln zu lassen. ¡Hasta luego! Wir sind dann mal weg!

Was also eint die Blue Zones?

Nach den Reisen in die Blue Zones identifizierten die WissenschaftlerInnen Gemeinsamkeiten, die alle Regionen verbinden und die für eine hohe Lebenserwartung verantwortlich sein könnten.

1. Zunächst ist ihnen aufgefallen, dass die Menschen der Blue Zones in gewisser Weise isoliert leben – auf einer Insel, Halbinsel, in gebirgigen Regionen oder Kleinstädten. Dennoch verfügen sie über eine moderne Gesundheitsversorgung, die dem 21. Jahrhundert entspricht.

2. Die Blue Zones liegen zudem in subtropischen bis tropischen Regionen und die BewohnerInnen bekommen im Durchschnitt viel Sonne ab, sodass Vitamin-D-Mängel bei ihnen eher unwahrscheinlich sind. WissenschaftlerInnen vermuten ja, dass ein Mangel an Vitamin D die Lebenszeit verkürzen kann.

3. Außerdem haben sich die EinwohnerInnen eine eher traditionelle Lebensweise erhalten. Sie leben hauptsächlich von der eigenen Landwirtschaft und üben Berufe wie HirtIn oder FischerIn aus – sprich, sie sind immer in Bewegung und viel an der frischen Luft.

4. Dazu passend essen sie was in der direkten Umgebung wächst oder gefangen wird. Verarbeitete Lebensmittel stehen kaum auf dem Speiseplan. Der variiert zumindest etwas zwischen den einzelnen Blue Zones: Auf Nicoya essen die EinwohnerInnen durchschnittlich mehr Fleisch als in den anderen Regionen.

5. Und zu guter Letzt zeichnen sich alle Blue Zones durch sehr enge Familien- und Freundschaftsbande aus. Außerdem sind ältere Generation bis ins hohe Alter stark in das soziale Leben eingebunden und bleiben so aktiv.

Wurde das Geheimnis des langen Lebens bereits entschlüsselt und wir wissen nichts davon?

Nun, leider nein, denn ganz so einfach ist es nicht. Um Erhebungen in den Blue Zones aussagekräftig zu machen, müsste man Vergleiche mit anderen Bevölkerungsgruppen anstellen – beispielsweise ob Regionen mit ähnlichen Kriterien keine höhere Lebenserwartung aufweisen. Ein Artikel hat es einmal so zusammengefasst: „Die Welt ist so groß, man wird immer Orte finden, an denen die Menschen besonders dick, dünn, groß oder klein sind – oder eben besonders alt werden.“ Und damit hat der/die AutorIn nicht unrecht.

Lässt man also die Örtlichkeit außen vor, so bleibt die Frage der Gene im Raum stehen. Kann es sein, dass die Menschen der Blue Zones einen besonderen genetischen Vorteil haben? Eine dänische Zwillingsstudie zeigte, dass die Gene den Todeszeitpunkt nur zu einem geringen Teil beeinflussen. Ebenfalls dagegen spricht eine Erhebung mit Ticos und Ticas, die aus Nicoya weggezogen sind: Diese wurden nicht mehr überdurchschnittlich alt. So viel also zu dieser These.

Eine andere interessante Betrachtungsweise werfen Langzeitstudien wie die Framingham Heart Study auf. Sie haben gezeigt, dass Menschen eher übergewichtig werden, wenn sie von übergewichtigen Menschen umgeben sind. Es ist also womöglich unser Umfeld, das uns hier beeinflusst. Es könnten also die sozialen Kontakte im Sinne einer Vorbildfunktion sein, die für die Blue Zones den Ausschlag geben. Belegt wurde diese These bisher aber ebenfalls nicht. Deutsche Studien an über 100-Jährigen zeigen auch, dass sie überwiegend zufrieden mit ihrem Leben sind. Sie bringen sich nach wie vor in die Gesellschaft ein und sehen einen Sinn in ihrem Dasein – kommt einem bekannt vor, oder? Das trifft ja auch auf die EinwohnerInnen der Blue Zones zu.

Unser Fazit

Wir wissen bis heute nicht woran es liegt, dass die BewohnerInnen der Blue Zones älter werden als der Rest – ob es einfach nur Zufall ist, die Menschen sich gegenseitig beeinflussen oder tatsächlich der Lebensstil die wichtigste Rolle spielt. Was wir bestätigen können, ist, dass dieser Lebensstil sich weitestgehend mit dem deckt, was wir im Allgemeinen für gesund halten. Deshalb haben wir hier noch mal die „Power 9“ – so haben ForscherInnen die neun identifizierten Faktoren, die die Blue Zones einen, getauft – zusammengefasst. Schaden kann es ja auf jeden Fall nicht, sich an ihnen zu orientieren.

Die „Power 9“ für ein langes Leben:

  • Natürliche Bewegung an der frischen Luft
  • Vermeiden von Hektik
  • Lebensfreude pur spüren
  • Essen in Maßen statt Massen
  • Obst- und gemüsereicher Speiseplan
  • Genuss von Wein (darüber freuen wir uns besonders!)
  • Glaube, Vertrauen und seelischer Tiefgang
  • Leben im Familien- und Freundeskreis
  • Leben als Teil einer sozialen Einheit

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