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United States
Psychosomatische Symptome
Wissenschaft
24.09.2020

Die Einheit aus Körper und Geist

Einen gewissen gegenseitigen Einfluss haben wir Körper und Geist schon länger zugeschrieben. Neue Studien zeigen jetzt aber, dass diese psychosomatischen Verbindungen viel tiefer gehen: Nicht nur schadet seelisches Leid der Gesundheit, auch der Körper steuert umgekehrt unsere Gefühle.

Dass unser Körper und unser Geist eine Einheit bilden, glauben wir zu wissen. Nicht von ungefähr kommen diverse Redewendungen wie „ein Herz und eine Seele“, „Ein Problem liegt einem im Magen.“ oder „Liebeskummer bricht einem das Herz“. Wie stark diese Wechselwirkung aber tatsächlich ist, erforschen derzeit viele WissenschaftlerInnen rund um den Globus.

Ob Herzinfarkt, Rückenschmerzen oder Virusinfektion – die Psyche nimmt einen immens großen Einfluss auf unseren Gesundheitszustand. Diesem Fakt widmet sich die sogenannte Psychosomatik. Sie untersucht die Bedeutung psychischer Vorgänge für die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten. Schon Sigmund Freud ging davon aus, dass psychische Konflikte sich in körperliche Beschwerden umwandeln und seine Theorien finden immer mehr Beweise.

Wir wissen heute, dass bereits im Mutterleib das seelische Wohl der Schwangeren das Immunsystem ihres Kindes beeinflusst. Bei Stresssituation oder seelischer Belastung schüttet ihr Körper Cortisol aus, das über die Plazenta auch in den Körper des Fötus gelangt und dort das Immunsystem verändert. Aber auch im Erwachsenenalter schwächt ein stressiger Arbeitsalltag unser Immunsystem und macht den Körper anfälliger für Viren und Bakterien.

Im Extremfall kann der Einfluss der Psyche unser Leben bedrohen. Laut ExpertInnen ist sie bei vier von fünf HerzinfarktpatientInnen ausschlaggebend. Das Risiko steigt bei starker Belastung. Oft blockiert das Herz aber erst, wenn sich Konflikte, Stressfaktoren oder Schicksalsschläge häufen.

Unter Stress schüttet unser Körper die Hormone Cortisol und Adrenalin aus. Unser Herz schlägt schneller und mit mehr Druck. An sich ein geschickter Schachzug der Natur, um Fluchtreaktionen effektiv zu gestalten. Hält dieser Zustand jedoch an, kommt es zur Dauerbelastung, die zu chronischem Bluthochdruck, Arterienverkalkung und damit zu Herzinfarkten führen kann.

ForscherInnen glauben jetzt bestimmte Persönlichkeitstypen identifiziert zu haben, die die Koronare Herzkrankheit begünstigen. Menschen mit einer “Typ D”-Persönlichkeit (D wie distressed) sind besonders gefährdet. Sie sind oft schlecht gelaunt, ängstlich und niedergeschlagen. Auch im Verdacht: Personen des „Typ A“. Sie sind übertrieben ehrgeizig, verbissen und in weiterer Folge nicht selten feindselig. Geht es nach dem Leiter der Abteilung für Psychokardiologie der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim, Jochen Jordan, ist Perfektionismus sogar der wichtigste Risikofaktor.

Noch gefährlicher als Stress oder bestimmte Persönlichkeitstypen sind psychische Erkrankungen für die körperliche Gesundheit. Eine Depression kann demnach unser Herz ähnlich stark belasten wie das Rauchen – hat das Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Göttingen herausgefunden. Schon eine unterschwellige Depression zeigt einen Schaden, der mit Passivrauchen vergleichbar ist. Psychische Erkrankungen alleine, können zwar nicht zu einem Herzinfarkt führen, sie begünstigen diesen jedoch deutlich.

Auch umgekehrt lässt sich die Einheit von Körper und Geist in der Psychosomatik nachweisen. Unser Körper steht mittlerweile im Fokus der Forschung, weil er psychische Erkrankungen hervorrufen soll. Ein Beispiel hierfür ist Diabetes. WissenschaftlerInnen erforschen derzeit, inwieweit Diabetes Depressionen fördert. Und das nicht ohne Grund: Diabetes-PatientInnen haben ein doppelt so hohes Risiko depressiv zu werden! Die ForscherInnen vermuten, dass bei der Erkrankung Prozesse ablaufen, die für Depressionen anfälliger machen. Dazu zählen einerseits eine schlechte Blutzuckereinstellung, die bekanntlich zu Erschöpfung und Antriebslosigkeit führt, andererseits soll die Krankheit möglicherweise auch zu Veränderungen im Gehirn führen.

Und dafür gibt es hinreichende Indizien! So haben manche DiabetikerInnen eine verminderte Konzentration des Wachstumsfaktors BDNF (brain-derived neutrophic factor). Dieses Protein spielt eine wichtige Rolle beim Wachstum von Nervenzellen. Bildgebende Untersuchungen deuten auf ein reduziertes Hirnvolumen mancher DiabetikerInnen in bestimmten Gehirnarealen wie der Amygdala und dem Hippocampus hin. Eine mögliche Folge: Die Lernfähigkeit ist behindert. Die Personen lernen nicht, schwierige Situationen zu bewältigen und sind dadurch anfälliger für Depressionen.

Erich Kasten, Psychologie-Professor an der Universität Göttingen, forscht ebenfalls an den Einflüssen unseres Körpers auf unseren Geist. Er hat schon viele Fälle betreut, bei denen vermeintlich psychische Probleme von körperlichen Symptomen ausgelöst wurden. So kann beispielsweise eine Unterfunktion der Schilddrüse ähnliche Symptome wie eine Depression auslösen, während eine Überfunktion mitunter Stimmungsschwankungen hervorruft.

Auch Entzündungen können die Psyche negativ beeinflussen. Dabei lösen Botenstoffe des Immunsystems im Gehirn das typische Krankheitsgefühl aus – wir wollen alleine sein und ziehen uns zurück. Wiederum ein sinnvoller Trick der Natur: Wer krank ist, soll sich zurückziehen, um niemanden anzustecken. Aber auf Dauer kann dieses Gefühl das psychische Gleichgewicht der Menschen gefährden. Der Psychologe erklärt, dass letztlich alle geistigen Prozesse auf einer körperlichen Basis beruhen und es daher nicht verwunderlich ist, dass viele organische Störungen sich auch mental bemerkbar machen.

Seit einigen Jahren gehen WissenschaftlerInnen auch Hinweisen nach, die vermuten lassen, dass der Darm eine weitere Ursachenquelle für psychische Störungen sein könnte. So auch die Abteilung für experimentelle Neurogastroenterologie an der Medizinischen Universität Graz, deren VertreterInnen den Darm wegen seiner millionenfachen Nervenzellen in Augenschein nehmen. Er empfängt nicht nur Signale aus dem Gehirn, sondern sendet auch Informationen dorthin. Das heißt, dass neben den Nervenzellen auch Immunbotenstoffe, Darmhormone und Bakterien Einfluss auf das Gehirn nehmen – und damit womöglich Emotionen steuern.

Mit dem Darm rückt automatisch auch unsere Ernährung in den Fokus der Wissenschaft zu den Einflussfaktoren unserer Psyche. Eine Studie mit etwa 3.000 Jugendlichen in Australien zeigte beispielsweise, dass eine Umstellung auf gesunde Kost im Laufe der Jahre das psychische Wohlbefinden der ProbandInnen verbesserte. Bei denen hingegen, die sich schlechter ernährten, sank das psychische Wohlbefinden. Die Bauernweisheit „Du bist, was du isst.“ hat damit mehr Gültigkeit denn je.

Neben der Ernährung nimmt auch die Bewegung eine Schlüsselposition bei der psychischen Gesundheit ein. Während wir schon lange wissen, dass körperliche Ertüchtigung der Psyche guttut, haben WissenschaftlerInnen jetzt auch herausgefunden, dass wir mit Bewegung unsere Psyche beeinflussen können. Und zwar nicht nur, weil Sport die Ausschüttung der Glückshormone Endorphine steigert.

Die Psychologin Sabine Koch von der Universität Heidelberg hat gezeigt, dass gezielte Bewegungen kurzzeitig die Stimmung von Menschen mit Depressionen heben kann. Im konkreten Fall haben die ausgeprägten Hüpfbewegungen eines israelischen Kreistanzes depressive Symptome vorübergehend gelindert. Die Auf- und Ab-Bewegung wirkt gezielt der depressiven Haltung entgegen und sorgt so für psychische Entlastung. Ob dieser Effekt auch langfristig erreichbar ist, bleibt abzuwarten.

Eine andere spannende Theorie befasst sich mit unserer Mimik. Es ist mittlerweile erwiesen, dass Personen mit einer durch Botox gelähmten Stirnfalte negative emotionale Botschaften langsamer oder schwächer verarbeiten. Psychiater aus Hannover und Basel haben daraufhin eine Studie durchgeführt, um dem weiter auf den Grund zu gehen. Sie überprüften, ob wir weniger anfällig für Negatives sind, wenn unsere Mimik zu keinen zornigen oder traurigen Ausdrücken fähig ist. Und tatsächlich: Die depressiven Symptome gingen durch die Botox-Behandlung in den folgenden Monaten um etwa 50 % zurück.

All diese Erkenntnisse über die enge Beziehung von Körper und Psyche zeigt uns wieder, dass die Annahmen von René Descartes– er sprach sich im 17. Jahrhundert für die Trennung von Körper und Geist aus – ein Irrweg war und ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen diese zwei nicht länger als getrennte Sphären betrachten dürfen. Wir sind gespannt, wo all diese Forschungszweige uns noch hinführen werden und wie unser Verständnis von der Einheit des Körpers und des Geistes in einigen Jahren und Jahrzehnten aussehen wird.

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