Spermidin im Blut der beinahe unsterblichen Nacktmullratte • Spermidine LIFE
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29.07.2019

Spermidin im Blut der beinahe unsterblichen Nacktmullratte

Nacktmullratten (oder einfach auch Nacktmulle genannt) sind erstaunlich bizarre Tiere, denn sie brechen mit mehreren „Gesetzen der allgemeinen Biologie“. Sie sind verwandt mit Labormäusen, leben aber mindestens 10-mal länger (30-40 Jahre im Vergleich zu 3 Jahren Lebensspanne der Labormaus) und sie sind fruchtbar bis zum Schluss.

Versucht man, diese verlängerte Lebensspanne unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass untereinander verwandte Säugetierarten ansonsten in etwa die gleiche Lebensspanne haben, auf den Menschen überzuleiten, so entspräche das einem Menschen, der etwa 800 Jahre erreichen würde., Koryphäen der Nacktmullforschung spekulieren sogar, dass einzelne Exemplare bis zu 100 Jahren alt werden. Auch wenn die Forschung an den Tierchen noch nicht lange genug läuft, um eine definitive Aussage zu deren Lebensspanne zu machen, eines ist jedenfalls klar: Sie leben sehr, sehr lang.

Noch verrückter als die extrem lange Lebensspanne der Nacktmulle ist die Besonderheit, dass die Wahrscheinlichkeit zu sterben bei Nacktmullen im Alter nicht zunimmt. Im Gegensatz zu allen anderen Tieren, bei denen im Alter die Wahrscheinlichkeit an altersassoziierten Krankheiten zu erkranken und zum Tod zu kommen, steigt, ist dies bei Nacktmullen nicht der Fall.

Damit brechen die Nacktmulle mit universal geltenden Gesetzen des Alterungsprozesses. Ja, sie sterben schon, aber nicht an altersassoziierten Erkrankungen wie Krebs oder Neurodegeneration, sondern weil sie zum Beispiel verhungern oder totgebissen werden,. Krebs ist eine Krankheit, die  es bei Nacktmullen ohnehin nicht gibt. Selbst dann nicht, wenn man Nacktmullratten härteste krebsauslösende Chemikalien spritzt. Appliziert man diese Cancerogene beispielsweise auf die empfindliche Haut, entwickeln sie (selten) für ein paar Tage Plattenepithelkarzinome, diese verschwinden aber nach einem Monat wieder.

Eine neue Studie, an der auch die Karl-Franzens-Universität Graz  beteiligt war, hat nun das Blut von Nacktmullratten und Labormäusen nach Unterschieden durchsucht, um diesen Besonderheiten auf den Grund zu gehen. Einer der in dieser Studie entdeckten Hauptunterschiede ist , dass im Blut des Nacktmulls eine deutlich höhere Spermidin-Konzentration nachgewiesen werden kann als im Blut einer Labormaus. Darüber hinaus konnte nachgewiesen werden, dass die Spermidin-Konzentration im Blut der Nacktmullratte im Alter nicht abnimmt – wie das bei Säugetieren (inklusive Mäusen und Menschen) üblicherweise der Fall ist – sondern im Gegenteil: die Spermidinkonzentration im Nacktmull nimmt im Alter sogar zu.

Diese Forschungen an der Nacktmullratte unterstützt eine Theorie, die wissenschaftlich noch nicht belegt ist und daher bisher immer angezweifelt wurde: nämlich, dass der Alterungsprozess in einem Säugetier von einzelnen Stoffen abhängt und mit diesem Wissen eventuell sogar  „umprogrammierbar“ ist. Zwar würde niemand heute ernsthaft behaupten, dass wir in absehbarer Zeit ein paar hundert Jahre alt werden könnten, aber einer Verlängerung der gesunden Lebensspanne auch des Menschen scheinen wir mit diesen Erkenntnissen einen Schritt näher gekommen zu sein.  Ob und inwieweit die Erkenntnisse aus den aktuellen Nacktmull-Studien auch auf den Menschen übertragbar sind, werden die nächsten Jahre zeigen.

Quellenangaben
Aging (Albany NY). 2019 Jul 24. doi: 10.18632/aging.102116. [Epub ahead of print]
The metabolomic signature of extreme longevity: naked mole rats versus mice.
Viltard M#1, Durand S#2,3, Pérez-Lanzón M2,3,4, Aprahamian F2,3, Lefevre D2,3, Leroy C5, Madeo F6,7, Kroemer G2,3,8,9,10, Friedlander G5,11,12.
Prof. Dr. Frank Madeo

Gastbeitrag von Univ.-Prof. Dr. Frank Madeo. Mitglied des wissenschaftlichen Beirates von Longevity Labs.

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