Anti Aging Forschung
Wissenschaft
10.08.2020

Anti-Aging-Forschung boomt: werden wir bald 150?

Die Anti-Aging-Medizin gilt als eines der aufsteigenden Forschungsthemen unserer Zeit. Internationale Forschungsteams haben bereits in den letzten Jahren interessante Ergebnisse zu unseren Zellen und deren Alterungsprozess aufgezeigt. Hier haben wir ein paar Eindrücke gesammelt.

Bereits 2018 veröffentlichte Citigroup, einer der weltweit größten Finanzdienstleister, eine Top10-Liste der aufsteigenden Forschungsthemen. Darunter: die Anti-Aging-Medizin! In der zugehörigen Studie sagten sie: „Die für die Entwicklung von Therapien erforderliche Wissenschaft und Technologie ist in den vergangenen Jahren rasch vorangekommen. Anti-Aging-Medikamente werden bald Realität.“

Einer dieser erforderlichen Technologien ist eine neuartige Methode, die uns erstmalig detaillierte Kenntnisse über die Vorgänge im Zellinneren bietet. Das Single Cell Sequencing (Einzelzellanalyse) erlaubt, das Erbgut einer einzelnen Zelle auszulesen. Man erhält quasi einen Fingerabdruck vom aktuellen Zustand der Zelle, sagt Herbert Schiller vom Institute of Lung Biology and Disease am Helmholtz Zentrum München. Dadurch lässt sich sogar ermitteln, welche Gene gerade angeschaltet sind und welche Proteine in der Zelle hergestellt werden. Wir können also die Zellaktivität entschlüsseln.

Wo stehen wir damit bei der Erforschung der „ewigen Jugend“? David Sinclaire, einer der führenden Genetiker der Universität Harvard, hält es für möglich, dass der derzeitige Rekord von 122 Lebensjahren bald auf 150 Jahre steigen könnte – unter Einnahme von Wirkstoffen freilich. Diese eingesetzten Wirkstoffe sollen gezielt das Vergreisen des Organismus in den Zellen bekämpfen und uns damit gesund altern lassen.

Dann ist ja alles wunderbar! Wo können wir denn diese Wunderwirkstoffe kaufen? – Nun ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Obwohl wir wissen, dass Anti-Aging viel mehr ist, als Faltencreme, Nahrungsergänzungsmittel und Diäten, wissen wir noch nicht genug. Vor allem die Zusammenhänge der einzelnen Elemente gibt noch Rätsel auf.

Klar ist, dass Altern ein dynamischer Prozess ist, „der beschleunigt oder verlangsamt und zum Teil sogar rückgängig gemacht werden kann“, wie Molekularbiologin Elizabeth Blackburn schreibt. Die Australierin erhielt 2009 den Medizin-Nobelpreis für ihre bahnbrechende Forschung auf dem Gebiet. Sie entdeckte die Bedeutung der sogenannten Telomere für die Zellalterung. Diese sind gewissermaßen Schutzkappen aus unserem Erbgut – unserer DNS – die dafür sorgen, dass unsere Erbgutfäden nicht an den Enden ausfransen und damit vor Schäden bewahrt werden.

Dieser Bereich der Forschung stützt sich auf ein Phänomen, das der Biologe Leonard Hayflick im Jahr 1961 erstmals systematisch erkundet hat. Er beobachtete in seinem Labor am Wistar Institute in Philadelphia die Vermehrung menschlicher Zellen. Diese teilten sich zunächst explosionsartig.  Nach 40 bis 50 Teilungen jedoch kam der Prozess plötzlich zum Stillstand. Die Zellen traten in einen dauerhaften Ruhestand.

Ein Grund hierfür ist die Rolle der Telomere bei der Zellerhaltung. Ist ihr Schutz abgenutzt, geht die Zelle in Ruhestand. Diesen Erschöpfungszustand nennen Forscher „Seneszenz“. Er hat einen generell sehr positiven Hintergrund: Er verhindert, dass sich beschädigtes Erbgut in alten Zellen weiter teilt und vermehrt. Denn dieses führt zu Problemen.

Alte Zellen verstehen die empfangenen Botschaften nicht mehr korrekt und geben sie als falsche Signale weiter. Dadurch verursachen sie eine Anfälligkeit für Schmerz und fallweise altersbedingte, chronische Krankheiten. Daher scheint es aus heutiger Sicht wichtig zu sein, diesen Alterungsprozess positiv zu beeinflussen.

Internationale Forschungsteams arbeiten derzeit an entsprechenden Medikamenten, die bereits in klinischen Tests am Menschen untersucht werden. Dabei steht eine Vielzahl an Forschungsgegenständen im Zentrum: Die Bandbreite reicht von Substanzen, die Stammzellen fit und teilungsfreudig halten, über Wirkstoffe, die die chemischen Signale gesunder Stammzellen nachahmen, bis hin zur Versorgung schwächelnder Körperzellen mit dringend benötigten Nährstoffen.

Und da tut sich international einiges! Erst 2019 präsentierte das Biotech-Unternehmen Intervene Immune auf einem Anti-Aging-Kongress in New York eine neue Studie, bei der sie es augenscheinlich geschafft haben, mithilfe bestimmter Substanzen bei neun Männern zwischen 51 und 65 Jahren neues Gewebe in der für das Immunsystem so wichtigen Thymusdrüse wachsen zu lassen. Auch das biologische Alter der Probanden ist ihnen zufolge während des Studienzeitraums von einem Jahr um 18 Monate gesunken – gemessen an bestimmten Merkmalen im Erbgut.

So vielversprechend das auch klingen mag, wollen wir korrekterweise darauf hinweisen, dass sich erst zeigen muss, ob der beobachtete Effekt auch bei einer breiteren Zielgruppe zu erkennen ist, beispielsweise bei Frauen. Auch andere Teilbereiche der Anti-Aging-Forschung zeigen vielversprechende Ergebnisse. Eines aber, haben alle gemein: Das Einzige, was wir bisher mit Bestimmtheit sagen können, ist, dass es kompliziert ist. Denn wie sich bei Herbert Schillers Erforschung der Zellalterung bei Mäusen am Institute of Lung Biology and Disease am Helmholtz Zentrum München gezeigt hat, verhalten sich Zellen eines Typs nicht immer gleich. Und damit ist in den nächsten Jahren wohl doch noch etwas Forschergeist notwendig, um unseren Altersprozess endgültig zu entschlüsseln.

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